Sonntag, 4. September 2016

Die Ascaron-Chronik: Kapitel 8

Ascarons Vermächtnis (2010 bis heute)

Ascaron war Geschichte und der letzten Atemzug von Studio II war das in Eigenregie gebastelte AddOn zu Sacred 2Ice & Blood“. Nun ging es für die Entwicklerlandschaft nur noch darum, die besten Stücke aus der Haushaltsauflösung von Ascaron und Studio II zu ergattern.

Die Rechte an Sacred, die wohl stärkste Marke aus der Insolvenzmasse, gingen an Koch Media. Wer den Spielemarkt aufmerksam verfolgt hat, der weiß, dass die Marke „Sacred“ für noch einige Spiele verwendet wurde, darunter Sacred Citadel, einen belanglosen Sidescroller, der nur als Downloadtitel erschien und die ganz üble Fortsetzung Sacred 3, die 2010 bereits angekündigt wurde und 2014 erschien. Das eigentliche Spielprinzip der offenen Welt und des Sammelns von Loot wurde komplett geändert und kann daher eigentlich nicht wirklich als Sacred-Nachfolger zählen. Dazu gibt es seit Sommer 2016 auch Sacred Legends für Android und iOS auf dem Smartphone, ein Pay-to-win-Rollenspiel mit ansehnlicher Grafik.

Für die eigentlichen Assets, die Ascaron zu bieten hatte, sprang dann Kalypso Media ein: Der Spielehersteller aus Worms kaufte ziemlich alle erwerbbaren Lizenzen und Marken (kurioserweise aber nicht die Marke Ascaron selbst): Anstoss, Patrizier, Pole Position und einige mehr. Mit Hilfe von Kalypso konnte Daniel Dumont die Gaming Minds Studios gründen, die eine Handvoll gestrandeter Ascaroonies einstellten. Dieses Studio darf daher höchst offiziell als Nachfolger von Ascaron gelten! Und mit den Veröffentlichungen von Dumont lebten auch einige Spieleserien erfolgreich weiter: Im Juni 2010 kam die Umsetzung von Dark Star One auf die Konsolen. Patrizier IV folgte im Januar 2011 (natürlich mit einem späteren AddOn und einer Goldversion) und auch Port Royale wurde mit Teil 3 im Juni 2012 erneut fortgesetzt – ebenfalls mit einem AddOn und der obligatorischen Goldversion im August 2013. Rise of Venice und Grand Ages: Medieval setzen die WiSims von Daniel Dumont erfolgreich fort, angepasst an die Spielerwünsche der 2010er Jahre. Ob wir noch eine weitere Fortsetzung der bekannten Reihen erleben werden, kann noch niemand sagen.

Kalypso selbst bzw. entsprechende kleinere Studios brachten dann noch zwei Versionen von Pole Position (PP 2010 und PP 2012) heraus: Beides Midprice-Formel 1-Simulationen, die allerdings eher durchwachsen waren.

Sämtliche Anfragen bei Kalypso, ob die Marke Anstoss je wieder belebt wird, wurden bislang abgeblockt und wir haben uns auch damit abgefunden, dass es wohl keinen Fußballmanager der alten Schule je wieder geben wird. Die Spielelandschaft hat sich einfach zu sehr verändert. Auch, wenn die Gamestar sich fragt, warum eigentlich...

Bemerkenswert ist, dass zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen Ende August 2016 die tatsächliche Marke „Ascaron“ noch immer beim Insolvenzverwalter liegt. Allerdings ist dessen Markenschutz am 31.07.2016 abgelaufen. Es könnte sich also jemand finden, der die Marke erwirbt – aber denkt dabei nicht an mich, sooo verrückt bin ich dann doch nicht. Der Gedanke wäre allerdings reizvoll...

Fakt ist: Wenn man von Sacred absieht, wurden eine der namhaften Ascaron-Marken zuletzt 2013 verwendet. Für Sacred 2 wurden am 01.04.2012 die Onlineserver abgeschaltet. In gewisser Hinsicht muß man also tatsächlich Abschied nehmen, denn den guten Namen, die Spiele wie Patrizier oder Anstoss einst hatten, hat Ascaron verspielt. Sicher konnten die Gaming Minds Studios da mit den Fortsetzungen erheblichen Kredit wieder einspielen. Doch für mich ist relativ deutlich, dass mit den letzten beiden Spielen Rise of Venice und Grand Ages: Medieval ein Schritt nach vorne gemacht wurde und man neue Ideen in neue Spiele mit neuen Namen stecken muss. Anstoss 3 und Patrizier 2 sind nun sechzehn Jahre alt. Die Namen von einst sind heute längst nicht mehr soviel wert wie 2009. Alle einstigen Ascaron- und Studio II-Programmierer sind hoffentlich längst woanders untergekommen, haben neue Jobs (z.B. bei bundesliga.de wie ich weiß) oder erkunden neue Lebensabschnitte. So geht es mir auch.

Und damit bin ich nach viel Arbeit, viel Recherche und einer Menge Freude am Schaffen am Ende meiner Chronik angelangt. Ich hoffe, die Lektüre hat euch Spaß gemacht und ihr konntet noch ein paar Dinge lesen, von denen ihr vorher nichts wusstet. Bei der Recherche für diesen Bericht habe ich jedenfalls viel erfahren. Es gibt aber auch noch immer so vieles, was ich nicht weiß und was ich wohl auch nie erfahren werde – denn einige Anfragen versandeten komplett und manch einer wollte nicht mehr an die Ascaron-Zeit erinnert werden. Es war aber auch umgekehrt, dass ich plötzlich einen Gesprächspartner fand, wo ich nicht glaubte, einen zu bekommen. Aber vielleicht habe ich ja nochmal die Gelegenheit, ein Interview mit Holger Flöttmann selbst zu führen. Wer weiß.

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