Samstag, 23. Januar 2016

Die Ascaron-Chronik: Kapitel 3

Erste Zeichen einer Referenzmaschinerie

Im Laufe des Jahres 1996 wurde klar, dass Ascon einer Veränderung unterzogen werden musste. Das hört sich jetzt dramatischer an, als es wirklich war. In der Schweiz gibt es bis heute ein großes Telekommunikationsunternehmen mit dem Namen Ascom. „Als dann die Firma "Ascom" wegen "phonetischer Verwechselungsgefahr" [mit dem Namen Ascon] nicht einverstanden war, wurde das alte Kunstwort "Ascon" zwar phonetisch verändert, jedoch so, dass aber eine grundsätzliche Wiedererkennung der Marke bei den Kunden erhalten blieb. Es entstand "Ascaron".“ (Zitat Eric Deters, ehemaliger Ascaron-Mitarbeiter)



Das erste Spiel, welches unter dem neuen Firmennamen erscheinen sollte, war das für Ascaron genreuntypische „Hexagon-Kartell“.

Mitte der Neunziger war das Wettrüsten an der PC-Front in vollem Gange. Die Wachablösung der überholten 486er-Prozessorenreihe durch die Pentium-Generation war vollzogen, es begann das MHz-Rennen: 66, 90, 100, 133, 166 – höhere Takte waren gleichbedeutend mit mehr Leistung, Dual-Kerne gab es noch nicht. Dazu wurde Windows mehr und mehr zum Standard, auch wenn es immer noch ein paar Spiele gab, die für MS-DOS programmiert waren (zur Erinnerung: Das war die Benutzeroberfläche, die ohne Maus funktionierte und die man Anfang der Neunziger in Informatikunterricht noch an der Schule lernen konnte). Ebenfalls wurde fleißig an den 3D-Fähigkeiten der Grafikkarten geschraubt, auch wenn dort noch so viele unterschiedliche Chips auf dem Markt waren, dass es schwer war, den Überblick zu behalten – und sicher noch schwieriger, für alle Konfigurationen eine vernünftige Programmierung zustande zu bekommen.

Bemerkenswert war es daher, dass Ascaron bisher eher wenig hardwarehungrige Spiele herausgebracht hatte – Pole Position einmal nicht berücksichtigt. Jetzt wurde mit einer grafikintensiven 3D-Hubschraubersimulation ein völlig neues Genre ausgetestet, was angesichts der starken Konkurrenz namens „Hind“ oder „Apache Longbow“ erstaunlich, wenn nicht sogar mutig war. Doch überraschenderweise klappte dieses Debüt beachtlich gut. Neben 79% aus der Power Play und 76% aus dem PC Joker vergab die PC Games eine Traumnote von 91%! Ob das Spiel ein kommerzieller Erfolg war sei einmal dahingestellt, jedenfalls konnte Ascaron wieder einmal beweisen, dass sie in der Lage sind, hochwertige Spiele auch in Deutschland zu produzieren. Die Hubschraubersimulation war zu dieser Zeit ein beliebtes Genre. Die PC Player hatte etwa ein halbes Jahr nach dem Release des Hexagon-Kartells sogar ein Special zu diesem Genre, in dem immerhin neun (!) relativ aktuelle Simulationen miteinander verglichen wurden, in welchem das Hexagon-Kartell einen siebten Platz erreichte. Bemängelt wurde das langsame Fluggefühl und die angestaubte Präsentation. Verglichen mit dem etwas später erschienenen „Comanche 3“ war die Grafik tatsächlich etwas eckig und detailarm, auch wenn der Vergleich angesichts der enormen Hardware-Anforderungen von „Comanche 3“ etwas hinkt.

Kuriose Randbemerkung: Das Spiel wurde in der Big Box (der damaligen Standard-Verpackung) mit zwei unterschiedlichen Covern verkauft. Neben dem dunklen Cover, mit dem Pierce-Brosnan-Verschnitt als Piloten und der etwas schlecht getroffenen Blondine gibt es auch ein oranges Cover, mit einem Hubschrauber im Vordergrund. Welches davon geeigneter war, bleibt der Entscheidung der Spieler überlassen.
Das Cover, welches man häufig bei der Big Box findet

Das Alternativcover, welches auch später bei Re-Releases verwendet wurde.
 


In der Zwischenzeit gab es eine nicht zu übersehende Personalie. Jürgen Kersting, seines Zeichens bisher quasi an jedem Spiel beteiligt und bei Anstoss und Pole Position sogar Projektleiter, verlässt Ascaron – mit einigen Kollegen wie Renate Langenkämper oder Andreas Leicht. Zusammen wird die Synetic GmbH gegründet, ebenfalls in Gütersloh ansässig. Diese Firma dürfte auch vielen noch im Gedächtnis sein. Bekannt wurde diese Truppe durch die sehr witzigen Actionracer „Have a N.I.C.E. Day“ 1 und 2, sowie „Mercedes-Benz Truck Racing“ und „World Racing“ 1 & 2. Synetic war mit diesen Spielen Ende der Neunziger sowie zu Beginn des neuen Jahrtausends relativ erfolgreich. Nach einigen Auftragsarbeiten für „Alarm für Cobra 11“-Spiele stellte Synetic 2014 jedoch den Geschäftsbetrieb ein.

Nach der Veröffentlichung des Hexagon-Kartells wurde in den diversen Spielezeitschriften bekannt gegeben, dass Ascaron Ideen für die Fortsetzung von Anstoß suchte – Ideen bitte direkt nach Gütersloh, liebe Fans! So stand es u.a.in der PC Games 01/1997. Ein wenig kurios kommt diese Aufforderung schon daher, denn eigentlich wäre ja eher eine Fortsetzung vom Patrizier von der chronologischen Reihenfolge denkbar gewesen.

Bereits im März 1997 erschien dann die Neuauflage eines damals „gerade mal“ zehn Jahre alten Spieles, welches aber bereits am C64 zu einer Legende wurde: „Vermeer“, eine spannende Hotseat-WiSim, die das Kultspiel des Brotkastens zeitgemäß unter Windows 95 neu aufleben ließ. Erneut zeigte sich Ralf Glau für das Spiel verantwortlich, der ja schon das Original designte und auch Hanse auf den Weg brachte (insofern auch bemerkenswert, dass Ascaron als „Hersteller von Simulationen der besonderen Art“ somit zum Recycler der alten 8-Bit-Ideen von Herrn Glau wurde). Für Nichtkenner des Spieles: Es geht darum, zur Zeit des ersten Weltkrieges durch Warenanbau auf Plantagen weltweit genügend Kapital zu bekommen, um auf Kunstauktionen die Bilder zusammen zu kaufen, die dem reichen Erbonkel jüngst gestohlen wurden. Und in der Essenz sozusagen ein „Brettspiel am PC“. Schon damals stellte man sich die Frage, ob die Faszination des alten Vermeers auch in Zeiten beginnender Netzwerkspiele übertragen werden konnte. Und so unterschiedlich da die Meinungen ausfallen, so unterschiedlich waren auch die Testergebnisse der Zeitschriften. Die PC Games vergab 78%, der PC Player 4 von 5 Sternen, und die Powerplay würgte wahnwitzige 44% im Solomodus raus.

Packshot von Vermeer

Gut zu sehen: Die Codetabelle als üblicher Kopierschutz

Allerdings wurde es nach diesem Spiel ruhig um Ralf Glau, denn in Sachen PC-Spiele ist nach dieser Neuauflage nicht mehr viel von ihm zu hören gewesen. Ebenfalls ist in den Credits eine Personalie vermerkt, die noch aufhorchen ließ: Der Projektleiter Frank Guntenhöner gab mitten in der Entwicklung im Oktober 1996 die Arbeit an Gerald Köhler ab. Das ganze ist sogar datumsgenau vermerkt – und hinterlässt dabei ein leichtes Geschmäckle...

Inzwischen nahm auch das Internet immer konkretere Formen an, statt Mailboxen gab es nun Homepages und Foren. Auch unsere Lieblingsfirma hatte sich bald ihre Domain www.ascaron.com gesichert. Unter www.archive.org kann man auch heute noch Captures der frühen Seiten sehen, aus heutiger Sicht grausame HTML-Verbrechen mit Augenkrebs-Garantie. Leider sind längst nicht alle Unterseiten in das Archiv gewandert, dennoch ist der Blick auf den frühen Onlineauftritt von Ascaron zumindest einen softwarehistorischen Blick wert. Doch mit dem Start der Internetseite und dem etwas später hinzugekommenen Diskussionsforum beginnt eine besondere Zeit für Ascaron. Schon mit Beginn der Planungen zum Nachfolger von Anstoss war klar, dass die Wünsche der Fans soweit möglich und realisierbar berücksichtigt werden sollen. Wie Gerald Köhler später im Handbuch zu Anstoss 2 Gold kundtat, standen zu Beginn der Arbeiten an Anstoss 2 insgesamt 17 Ordner, gefüllt mit Schreiben und Featurewünschen in den heiligen Hallen in Gütersloh. Hier allerdings war es immer noch eher eine „Einweg-Diskussion“, denn keiner der Briefe- oder Mailschreiber konnte mit einer konkreten Antwort rechnen, ob und wie seine Einwände gut oder schlecht waren, ob es Umsetzungspotenzial gab oder ob seine Einsendung im Wesentlichen Papierverschwendung war. Mit der Einrichtung einer Mailbox konnte man Ascaron ja zumindest schon mal per eMail erreichen, auch wenn dies Ende der Neunziger noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit wie heutzutage ist (wobei der damalige Vergleich Briefpost vs. Email heutzutage wie der Vergleich eMail vs. WhatsApp daherkommt). Und als es dann einige Monate weiter auch noch das Diskussionsforum gab, hatte man die Gelegenheit, mit den Ascaron-Mitarbeitern auch mal direkt Kontakt zu haben. Mitte/Ende der Neunziger war das keine Selbstverständlichkeit und auch für mich persönlich zunächst eine große Überraschung, dass die Ascaronies (so der Spitzname) mit den Fans selbst sprachen. Das Forum wird noch eine größere Rolle spielen, doch dazu später mehr.

Zurück zu „Anstoss 21: Wie oben bereits angedeutet, nahmen die Autoren und Programmierer die Wünsche der Fans sehr ernst. Bereits Mitte 1994, nach der Veröffentlichung der Anstoss World Cup Edition, wurde das Konzept für Anstoss 2 begonnen, im April 1995 begann Rolf Langenberg mit den ersten Programmierarbeiten am Editor. Die Arbeiten am Spiel forderten Köhler sogar so sehr, dass er Anfang 1996 nach Gütersloh zog, um intensiver an Anstoss 2 arbeiten zu können.

Im April 1997 wurde auf der Homepage von Ascaron eine immer wieder sehr beliebte Abteilung eröffnet, das sogenannte Entwicklertagebuch. Gerald Köhler als Konzeptautor gab hier bis zum Release wöchentliche Einblicke in den Fertigungsstand des neuen Fussballmanagers. So kurz vor der Fertigstellung gab es natürlich eigentlich keine außergewöhlichen Designentscheidungen mehr mitzuteilen, sondern nur mehr Stück für Stück die Vervollständigung der einzelnen Features und die harte Schufterei, die es teilweise bedeutet, die erforderlichen Teilgewerke rechtzeitig abzuliefern. So mag ich mir gar nicht vorstellen, was es für eine Heidenarbeit es war, insgesamt 2.415 3D-Spielszenen zu setzen, die sich dazu auch noch alle voneinander unterscheiden! Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Wer Anstoss 2 eine Weile mit 3D-Szenen gespielt hat, der wird irgendwann das Gefühl bekommen, gewisse Abläufe doch so schon mal gesehen zu haben, doch wenn man ganz genau hinsieht, gibt es immer wieder Unterschiede. Dazu sind diese vorberechneten Szenen zwar für den heutigen Managerpuristen ein Graus – denn vorberechnete Einspieler implizieren ja nunmal, dass die ausgefuchste Taktik des Managers zu einem gewissen Teil ignoriert wird. Dennoch sei auch fast 20 Jahre später gesagt, dass es Szenen gibt, die ein ausdauerndes Spielen belohnt. Gerüchtehalber – ich habe selber nie solange gespielt – soll es beim 33.333. Tor etwas besonderes geben (eine spezielle Szene?).



Die langwierige Fehlersuche zum Ende der Programmierzeit lohnte sich, pünktlich zum Dienstag, den 05. August 1997 ist das Goldmaster fertig – und zum 16. August ist Anstoss 2 in den Läden erhältlich. Die Bundesligatabelle zeigt den Karlsruher SC an Platz 1, und auch Media Control zeigt schon bald den Erfolg von Anstoss 2. Auch die Presse ist sich einig, dass Ascaron mit Anstoss 2 ein großer Wurf gelungen ist: Die PC Player zeigt 5 von 5 möglichen Sternen, die PC Games vergibt 88%. Und das Spiel ist in vielerlei Hinsicht auch ein ganz besonderes Schmuckstück: Nicht nur, dass Anstoss 2 ein hervorragender Fussballmanager war, der mit dermaßen vielen Funktionen aufwartete, der die damaligen Konkurrenten „Bundesliga Manager 97“ und den „Premier Manager“ (von EA redete damals noch niemand) spielend auf die Positionen verwies, nein, zusätzlich punktete Anstoss 2 durch den an allen Ecken und Kanten vorhandenen Humor. Allein das auch heute noch bekannte Maskottchen namens Pallino, der Comicball mit Augen, Händen und der überbordenden Mimik lockerte die Atmosphäre erheblich auf. Und neben den unvermeidlichen Mauspads gab es auch ein sehr schönes Pinset mit den fünf Pallinos in den Gemütshaltungen „Lieb“ über „Hart“ bis „Brutal“. Ein Sammlerstück heutzutage! Stichwort Sammlerstück: Auch zu Anstoss 2 gab es ein Lösungsbuch von Carsten Borgmeier, dieses habe ich allerdings erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal gesehen.

Packshot von Anstoss 2

Umfangreicher Inhalt: Handbuch, Referenzkarte und jede Menge obligatorische Werbematerialien
Das legendäre Pallino-Pinset

Das Anstoss 2-Lösungsbuch - wirklich selten!

Schon während der Programmierphase war klar, das längst nicht alle Wünsche der Kunden im neuen Referenzmanager eingebaut werden können. Nach dem großen Erfolg des Spiels, nicht nur in der Presse sondern auch im Handel, war schnell klar, dass das Kapitel Anstoss 2 noch nicht beendet ist. Nach einem dringend benötigten Urlaub wandten sich Köhler und sein Team den reichhaltig eintrudelnden Meldungen der Spieler zu und versuchten, die nun meistgewünschten Features umzusetzen. Neben den Konzeptarbeiten zu „Verlängerung!“, die Mitte Oktober 1997 abgeschlossen waren, standen die heutzutage schon alltäglichen Arbeiten am Patch des Hauptspieles an. Dies geschah simultan zu den Konzeptarbeiten zum AddOn. Auch „Verlängerung!“ wurde von Ascaron mit einem wöchentlichen Entwicklertagebuch auf der Internetseite bedacht, welches von Anfang Oktober 1997 bis Anfang Februar 1998 sogar sehr regelmäßig geführt wurde (und inhaltlich das erste Tagebuch für mein Empfinden übertraf). Hier wurde Mario Endlich als Leiter der Qualitätssicherung auch dem breiten Publikum bekannt, ein Ascaronie, der die Firma schon einige Zeit begleitete und noch viele Jahre begleiten sollte.

Und so kam dann im Februar 1998 das erste AddOn der Firma Ascaron auf den Markt: Anstoss 2: Verlängerung. Die Rückkehr des Nationaltrainermodus – natürlich mit EM und WM, dazu neue Szenen, neue Trainersprüche von Dag Winderlich, dessen Stimme vielen tausend Spielern auch sicher heute noch im Ohr ist (insbesondere der berühmt-berüchtigte Schrei zur Halbzeitansprache). Auch die Presse war sich einig, dass die Verlängerung eine gelungene Erweiterung des Hauptspieles ist: Die Ergebnisse lagen zwischen 75% und 90%, abermals hervorragende Ergebnisse für ein Spiel aus deutschen Landen, insbesondere in einem quasi urdeutschen Genre. Die PC Games z.B. vergab 89% für die CD und lobte ausdrücklich die wenigen Bugs im Urspiel (!). Ein guter Grund für das Team, nach erfolgter Lokalisierung für England und Frankreich über den Sommer ein wenig in den Urlaub zu gehen, wenn auch die stark erwartete Fußball-WM im benachbarten Frankreich für die amtierenden Europameister nicht so erfolgreich verlief, wie wir uns das gewünscht hätten (Seltsam, immer wenn ein Anstoss durch Erweiterungen um Features ergänzt wurde, scheidet Deutschland im Viertelfinale einer WM aus – wollen wir hoffen, dass diese Serie irgendwann bricht...).
Packshot von Anstoss 2 Verlängerung!

Auch hier: Ein umfangreiches Handbuch gehört dazu.

Im Spätsommer 1998 erschien dann die logische Konsequenz – „Anstoss 2 Gold“. Gold, die gängige Benennung für ein Re-Release eines Spiels inklusive des nachgeschobenen AddOns, in diesem Fall sogar ergänzt um ein paar weitere Features wie Mannschaftssitzungen, erweiterte Fanartikeloptionen und noch mehr Statistiken. 

Packshot: Anstoss 2 Gold

In der Mitte: Das Tips & Tricks-Buch, aus dem viele tiefere Informationen zur gesamten Anstoss-Reihe hervorgehen.


Ascaron machte dann auch direkt kein Geheimnis daraus, dass die Planungen für Anstoss 3 schon sehr weit fortgeschritten waren, der PC Games-Test von A2G in der Ausgabe 11/1998 sprach von einem Release schon Mitte 1999 (also bereits im folgenden Jahr!). Im Diskussionsforum auf der Internetseite von Ascaron gab es schon länger Vorschlagsthreads zur Sammlung der besten und beliebtesten Ideen und Vorschläge, so dass Ascaron offene Türen einrannte. So ließ es sich die PC Games Ende 1998 nicht nehmen, Anstoss 2 Gold in einem umfangreichen Bericht nochmal von den Lesern beurteilen zu lassen: Was waren die besten Features, was sind die größten Kritikpunkte, was sind die größten Wünsche für Anstoss 3? Sogar die ersten Screenshots des zukünftigen Stadiongelände-Bereiches waren zu sehen. Ein deutliches Zeichen dafür, wie weit die Entwicklung des Nachfolgers schon fortgeschritten war. Jeder der Anstoss-Spieler hatte so die Möglichkeit, seine eigenen Ideen und Gedanken in dieser Feedbackrunde zu äußern und sich ernstgenommen zu fühlen. Ein wichtiger Schritt dazu, große Nähe zu den Fans aufzubauen, was sich auch in der weiteren Zukunft noch auszahlen sollte. Interessant war die Aussage des Projektleiters Henrik Nordhaus bezüglich eines möglichen Actionanteils: „Man wird sicher keinen Spieler selbst steuern können. Die Verknüpfung von Management und Action wird von unseren Spielern nicht besonders häufig gewünscht. Es würde auf die Dauer sowieso der bessere Actionspieler gewinnen – das ist nicht Sinn der Sache.“ Auch hier sollte die Zukunft das Gegenteil beweisen...

Ganz leise im Hintergrund werkelte Ascaron an einem weiteren Spiel. Zur Veröffentlichung der A2-Verlängerung gab es dann die ersten Presse-Previews (die sich alle sehr gut lasen) und kurz vor dem Release von Anstoss 2 Gold wurde dann auch eine spielbare Demo veröffentlicht. Auf den CDs der bekannten Spielezeitschriften erschien im August 1999 diese Demo und rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft dann die Vollversion: „Grand Prix 500ccm“, eine Motorradsimulation. Alex Hofmann, seines Zeichens als Deutscher Meister und Europameister der 250er-Klasse Star des Teams Racing Factory, stand Pate für eine Simulation, die zu der Zeit relativ wenig am Markt vertreten war. Ascaron war sogar Sponsor des Teams, was durchaus bemerkenswert war. Die Idee, eine Motorradsimulation auf die Beine zustellen, kam aus der Tatsache, dass, Zitat der Ascaronwebseite: „ in einer Firma, in der fast die Hälfte der Belegschaft den 1er Führerschein besitzt“ man nun doch diese Lücke füllen wollte. Tatsächlich sprach die PC Action in ihrer Ausgabe 03/1998 davon, dass die bisher vorhandene „Marktlücke zum Wohle aller Biker ab sofort als besetzt betrachtet werden“ kann.

Grand Prix 500ccm war eine sehr auf Realitätsnähe bedachte Simulation des durch die Erfolge des jungen Herrn Hofmann Ende der Neunziger ein wenig gehypten Motorradsportes. Alle zu der Zeit erhältlichen Motorradspiele waren deutlich actionlastiger, darunter das sehr gute „Moto Racer“ von EA, „Motocross Madness“ (welches, wie ich allerdings sagen muß, dann doch eher dem Typus der Simulation entsprach) oder „Redline Racer“. Wieder einmal überraschte Ascaron mit einem qualitativ guten Spiel, wenn auch die Testergebnisse von ganz guten, wenn auch kritischen 70% der PC Games über 79% der PC Joker bis zu sensationellen 87% der Power Play sehr gemischt waren. Die Nähe zu einem echten Rennstall hatte einen wertvollen Einfluß auf die Simulationsdaten. Insbesondere die Auswertung der Renndaten waren zur damaligen Zeit sehr umfang- und vor allem detailreich. Die aufgebohrte 3D-Engine von Anstoss 2 leistete zufriedenstellende Dienste, der PC Joker vergab z.B. eine Grafikteilwertung von 79%. Daher gab es in den Credits auch eine deutlich Überschneidung zwischen den 3D-Programmieren von Anstoss 2 und GP 500ccm.
Packshot: Grand Prix 500ccm

Mit Autogrammkarte von Alex Hofmann.
Das Cover der Playstation-Version. Auch hier wird das Spiel später bei Re-Releases mit diesem Cover veröffentlicht.

Die Projektleitung dieses Spiels war auf zwei Leute verteilt: Neben Holger Flöttmann, der es sich weiterhin offenkundig nicht nehmen lassen wollte, auch im Tagesgeschäft mitzuwirken, tauchte in verantwortungsvoller Position Daniel Dumont auf. Seinem Wikipediaeintrag zufolge war Dumont 1998 zu Ascaron gestoßen, nachdem er vorher bei Ubisoft tätig war. Seine bisherigen Credits lesen sich rückblickend betrachtet ein wenig wie eine Parallelentwicklung zu dem bisherigen Spielekatalog unserer Lieblingsfirma (u.a. wirkte er an F1 Racing Simulation und Redline Racer mit und bekam auch ein „Special Thanks“ im DSF Fußball Manager). Eine weitere nette Anekdote ist zudem, dass in dem Spiel Hell-Copter (einem mäßigen, aber actionlastigen Helikopterspiel aus 1998) die beiden oben genannten Herren auch mit einem Special Thanks2 versehen wurden. Hell-Copter ist jetzt kein riesiger Erfolg gewesen, aber vielleicht sagt euch das Spiel aus einem anderen Grunde was – es war die allererste Vollversion auf den CDs der im November 1999 neu erschienenen Zeitschrift Computerbild Spiele.

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Für Anstossfans kann ich da nur drei Dinge vorbehaltlos empfehlen: Zum einen gibt es für Anstoss 2 Gold das oben abgebildete „Tipps & Tricks“-Heft, in dem die Entwicklungsgeschichte von Anstoss sehr schön dargelegt wird. Und zum zweiten wird diese Geschichte im offiziellen Strategiebuch zu Anstoss 3 um eben Anstoss 3 ergänzt. Das Heft zu Anstoss 2 Gold ist offiziell als PDF zu finden (dazu ist es auch Bestandteil sämtlicher Re-Issues von A2G). Das A3-Buch ist leider „out of print“ und wird daher zu Mondpreisen gehandelt... Zum abschließenden Dritten sei allen Anstoss-Fans folgende Internetseite empfohlen: www.anstoss-juenger.de – da werden Sie geholfen.


2
Stichwort Special Thanks: Ein wenig früher, nämlich 1995, veröffentlichte reLINE Software das Spiel „Biing“. Im Handbuch geht ein ausdrückliches Dankeschön an die ASCON Software GmbH. Jürgen Kersting wird ebenfalls als Spieletester aufgeführt.

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