Samstag, 6. Februar 2016

Die Ascaron-Chronik: Kapitel 4

Höhepunkte des Schaffens

Mit GP500 versuchte Ascaron dann später noch einen weiteren Schritt. Die Ära der Heimcomputer war längst vorbei, und der PC hatte sich als ernstzunehmende Spieleplattform etabliert. Doch neben den PCs wuchs der Konsolenmarkt stark vor sich hin. Die Playstation eroberte 1995 die Welt und war der Vorreiter der sogenannten fünften Generation der Spielekonsolen. Grundsätzlich war die Playstation schon früh die 3D-Plattform schlechthin. Neben bekannten Meilensteinen der Videospielhistorie wie Final Fantasy VII, Gran Turismo, Resident Evil und vielen anderen hatte die Playstation allerdings auch schon früh mit Piraterie zu kämpfen – gechippte Playstations konnten gebrannte CDs abspielen, was durch die Ende der Neunziger immer günstiger werdenden CD-Brenner noch weiter begünstigt wurde. Dennoch: Das System konnte sich gegenüber den modulbasierten Konsolen wie dem früher erschienenen Atari Jaguar oder dem erst später auf den Markt gebrachten Nintendo 64 alleine dadurch schon besser durchsetzen. Die Konsole, die Ende der Neunziger die größte Marktdichte hatte und damit auch die größten Chancen auf erfolgreiche Spiele hatte, war eindeutig die Playstation.

Aufgrund der 3D-Fähigkeiten der Playstation war GP 500ccm mit Sicherheit ein guter Kandidat um sich hier für eine Umsetzung der PC-Version zu bewerben. In Sachen Rennspielen war die Playstation wirklich gut ausgestattet, aber im Genre der Motorradspiele war wenig Auswahl zu finden. So war das bereits am PC in eine Nische stoßende GP 500ccm auch auf der Playstation ein Spiel mit nur wenigen direkten Konkurrenten.

Packshot von Extreme 500

Die Maniac 1/2000 wertete die Umsetzung mit hervorragenden 80% - ein weiteres Zeichen, das Ascaron grundsätzlich eine richtige Entscheidung getroffen hatte. Nur um den Vergleich zu ziehen: In der gleichen Ausgabe wurde Tomb Raider 4 (85%), Grandia (90%) und Crash Team Racing (82%) getestet und man kann schon sagen, das „Extreme 500“ – so der Name der Playstation-Version – sich ganz wacker geschlagen hat. Dennoch: Auch hier blieb der große Wurf in Sachen Verkaufserfolg wohl aus.

Parallel zu Extreme 500 war ja bereits Anstoss 3 in der Entwicklung. Aufgrund der höheren internen Anforderungen an die 3D-Engine – die Szenen sollten zukünftig nicht vorgesetzt werden, sondern je nach Spielsituation live berechnet werden – war es wichtig, weitere Erfahrungen mit der zugrundeliegenden Engine zu machen und diese fußballtauglich zu machen. Wie wir aus dem Preview der PC Games 08/1999 entnehmen können, sprach Henrik Nordhaus die Erwartungen deutlich aus: „Ab sofort wird jeder Paß […] genauestens aufgrund der Spielerwerte kalkuliert und von der Anstoss-3-Engine live übertragen.“ Das sorgte natürlich im Anstoss-Fanlager für Euphorie, gerade, da der EA-Manager zu der Zeit noch keine ernsthafte Konkurrenz war und der Manager „Kurt“ aus 1999 ebenso wie der noch ältere "Bundesliga Manager 98" doch schon sehr angestaubt wirkte. Viele, sehr ausführliche Previews in allen einschlägigen Zeitschriften hypten das Spiel sehr, und dann, am 10. Februar 2000 war es endlich soweit: Anstoss 3 ist im Handel erhältlich!

Packshot von Anstoss 3

Eine volle Verpackung: Auf der kleinen Karte in der Mitte zu sehen: Das legendäre gelbe Anstoss-3-Trikot, welches es bei EMP zu kaufen gab.

Augenzwinkernde Ereignisse, ein Beckenbauer-Stimmimitator und ein Reigen von Halbzeitansprachen machten aus Anstoss 3 quasi aus dem Stand die neue Referenz im Fussballmanagement. Leider war auch hier früh klar, dass für einige Bugs der Lebensberechtigungsschein doch über Release hinaus ausgestellt war, so dass es zu einigen Patches kommen musste. Erst mit Patch 1.40 (also dem vierten Patch!) wurde Anstoss 3 als „fertig“ bezeichnet. Dennoch überzeugte Anstoss 3 in der Presse so ziemlich jeden: Von den großen Zeitschriften werteten die PC Player und die PC Games mit 86% am geringsten (!). Die Gamestar in Person von Mick Schnelle verkündete die neue Referenz des Genres und dass Anstoss 3 dies auf absehbare Zeit auch bleiben werde.

Beliebtes Motiv für das A3-Merchandising wie T-Shirts oder Kaffeebecher.

Das offizielle Lösungsbuch von Gerald Köhler himself

Trotzdem war Gerald Köhler als Projektleiter nicht wirklich zufrieden. Dass Anstoss 3 durch derart viele Patches nachgebessert wurde, war nicht in seinem Sinne. In einem Interview mit www.anstoss-jünger.de sprach Guido Eickmeyer 2007 davon, dass aufgrund der überschaubaren Größe des Unternehmens gewisse ökonomische Zwänge vorhanden seien. Dazu später auch mehr. Im Laufe des Projektes Anstoss 3 wurde Köhler die Leitung der Konzeptabteilung übertragen, so dass bereits im Mai 1999 sein Bruder Heiko mit der Konzeption von Anstoss 4 begann. Bereits kurz nach Release von A3 gab Ascaron bekannt, dass Ascaron sich mit dem neuen Projekt „Anstoss Action“ zukünftig mit EA Sports messen wolle, mit dem Kniff, dass sich beide Programme miteinander koppeln lassen würden.

Für Gerald Köhler war Anstoss 3 tatsächlich jedoch der Abschied von Ascaron. Gemeinsam mit Rolf Langenberg wechselte er zu EA. Den sehr treuen Fans ging der Wechsel nahe, und wie man heutzutage sagen würde, erlebte Ascaron – bzw. Herr Köhler – nach Bekanntwerden einen mittleren Shitstorm. Gerald verglich den Wechsel mit einem Angebot von Real Madrid: Wenn der Branchenprimus anklopft, dann sagt niemand Nein. Im übrigen habe Anstoss 3 „die maximale Größe erreicht“.

Wozu die Community fähig war, sollte sich in diesem August zum ersten Mal richtig zeigen. Im Anstoss-3-Forum wurde eine Party geplant. Ascaron war so entgegenkommend und stellte neben Zelt auch ein paar Getränke, und so fand das erste, legendäre Fanfest statt. Sogar Gerald Köhler ließ sich dort blicken und für die Beteiligten ist das Fest sicher auch heute noch in guter Erinnerung. Es sollte – wie Eingeweihte wissen – lange nicht das letzte Fanfest bleiben.

Im Lauf des Sommers dann erschien Anstoss auch auf der Playstation. Allerdings war dies nicht wirklich ein Anstoss – sondern nur die Lizenzierung des Namens für einen „No-Name“-Fussball Manager. Außer dem Namen „Anstoss“ hat dieses Spiel nicht viel mit unserem geliebten Manager zu tun. In der Creditliste von Anstoss Premier Manager taucht nicht ein bekannter Name auf. Zu Gute halten kann man dem Spiel aber, dass es ein guter Fussballmanager für die Playstation war.

Packshot von AnstossPremier Manager

Das AddOn „Golden Goal“, welches nach einer zwischenzeitlichen Verschiebung von Ende 2000 für das Frühjahr 2001 angekündigt war, wurde mit einer kurzen Mitteilung im Forum relativ sang- und klanglos eingestellt. Grund dafür war die nicht mehr zu gewährleistende Fehlerfreiheit bei Einbau neuer Features aufgrund des komplexen Programmcodes. Wenn man überlegt, dass Anstoss 3 bereits auf dem Programmcode von Anstoss 2 beruhte und auch hier zwischenzeitlich das AddOn Verlängerung eingebaut wurde, so war diese Entscheidung gerade im Hinblick auf den Weggang von Gerald Köhler (und Rolf Langenberg, der den Programmcode weitestgehend entwickelt hatte) im April 2000 sicherlich nachzuvollziehen. Dennoch bleiben einige Fragen offen, denn welche neuen Features das AddOn gehabt hätte, ist nicht bekannt – oder besser: Heute nicht mehr zu recherchieren. Laut der offiziellen Lesart sollten die guten Ideen statt in ein AddOn einfach direkt in Anstoss 4 einfließen.

Neben der Weiterentwicklung des Zugpferdes „Anstoss“ werkelte ein weiteres Projektteam im Hintergrund an der lang ersehnten Fortsetzung zum Patrizier. Der wie vorher schon geschildert relativ frisch zu Ascaron gestoßene Daniel Dumont hatte mit „Patrizier 2: Geld und Macht“ ein prestigereiches Projekt zu verantworten. Henning Wiechers, ein Absolvent an der Kölner Universität hat zum Thema „Organisatorische Gestaltung der Softwareentwicklung“ eine Diplomarbeit geschrieben, die im Internet verfügbar ist. Für mich ist in dem Fall besonders spannend, dass Patrizier 2 begleitet wurde, was für dieses konkrete Spiel einen unfassbar tiefen Einblick in Entwicklungsdetails und Abläufe vermittelt, die man sonst nie bekommt.

Das Projekt Patrizier 2 startete im November 1999 mit einer dreimonatigen Planungsphase. Ursprünglich war die Fertigstellung für September 2000 vorgesehen, tatsächlich erschien P2 Ende November 2000 – nach knapp 12 Monaten Entwicklungszeit, immer noch eine bemerkenswert schnelle Zeit für ein Vollpreisspiel. Begünstigt wurde die Entwicklung durch die nach eigenen Angaben gute Planbarkeit der Unterfangens und der Tatsache, dass „wir ja nichts Neues gemacht [haben]“, so Daniel Dumont. Tatsächlich wirkt P2 für mich im Gesamtbild aller Spiele (insbesondere der jüngeren Spiele, die mehr Aufwand erforderten) als besonders ausgereift. „Mit einem klaren Konzept war die Umsetzung viel einfacher“, zitiere ich hiermit nochmals aus der Diplomarbeit, und wenn man wie ich an einigen Betatests von Ascaron teilgenommen hat, nun, dann ist es kein Geheimnis, dass genau das klare Konzept manchmal offensichtlich ein wenig fehlte...

Noch im Jahr 2000 erreichten Patrizier 2 Verkaufszahlen, die den VUD-Award in Gold folgen ließen – mindestens 100.000 Exemplare wurden verkauft. Auch die Zeitschriften waren begeistert: 85% der PC Games, die Gamestar vergab das gleiche Ergebnis.

Packshot von Patrizier 2

Auch hier: Volle Box mit Handbuch und obligatorischer Seekarte

Ascaron hatte es doch eigentlich geschafft: Mit Infogrames, einem Vertrieb, der ganz große Räder drehen konnte und zwei richtig erfolgreichen Referenztiteln im Portfolio hatte Ascaron es an die Spitze der bundesdeutschen Entwickler geschafft. Dazu waren noch ein paar Titel in der Pipeline, die sehr vielversprechend klangen, sei es Anstoss Action oder das Patrizier 2 AddOn. Aber leider war der große Vertrieb nicht allein ein Segen, sondern schlußendlich auch ein Fluch. Dazu mehr im nächsten Kapitel. Dieses Kapitel hingegen möchte ich damit beschließen, dass selbst heute, im Jahr 2016, die Spiele Anstoss 3 und Patrizier 2 insbesondere im deutschen Sprachraum noch immer eine gigantische Fanbasis haben: Noch immer werden Trainingswochen erstellt, aktuelle Saison-Datensätze erstellt, Handelsrouten geplant und Kapitäne angeheuert. Und auch wenn es Ascaron schon lange nicht mehr gibt und nach den Releases von Anstoss 3 und Patrizier 2 noch etliche Spiele folgen sollten: Noch immer sind das die beiden Spiele, die Ascarons Ruf auf Jahre hin prägten. Zwei absolute Meilensteine der Spielegeschichte.

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