Donnerstag, 28. April 2016

Interview: Bernd Almstedt

Liebe Ascaronfans! Heute habe ich mal wieder ein Schmankerl für Euch alle: Bernd Almstedt war so nett und hat uns ein Interview gegeben. Danke dafür, Bernd! Und nun: viel Vergnügen!


Mit freundlicher Genehmigung von Bernd selbst!


AFP: Hallo Bernd, danke dass du dir die Zeit genommen hast, uns zu einem Interview zur Verfügung zu stehen. Wie war dein Werdegang in Sachen Computer? Generation C64 oder wie dürfen wir uns das bei dir vorstellen?

BA: So ungefähr, eigentlich sogar noch früher mit den ersten programmierbaren Texas Instruments „Taschenrechnern“, dann Sinclair und danach habe ich allerdings den C64 übersprungen und bin beim Amstrad CPC464 mit CP/M Betriebssystem gelandet. 

AFP: Du warst etwas mehr als vier Jahre bei Ascaron als Sales and Marketing Director. Wie kam es dazu?

BA:  Das war ziemlich einfach damals… - ich war bei der heute nicht mehr so bekannten Firma Guillemot unterwegs um den damals neuen 3D-Sound unserer Soundkarten deutschen Entwicklern anzubieten und Holger Flöttmann hat mich nach einer Präsentation einfach gefragt ob ich „Bock hätte bei Ascaron zu arbeiten“.  :)
Okay, Holger kannte mich schon ein wenig von früher aus Stationen bei Rushware/Softgold/Profisoft und ich war auch gerade auf dem Absprung bei Guillemot aber Ascaron war auch einer meiner Heroes und da brauchte ich nicht lange nachzudenken.

AFP: Wie können wir uns den Job eines Marketing Directors bei einer Firma mit überschaubarer Größe vorstellen? Ich würde vermuten, „Mädchen für alles“...

BA: „Mädchen für sehr vieles“ würde es gut treffen…   ;-) 

AFP: Du erwähntest, dass du auch viel im Publishing zu verantworten hattest (also Print, Datenträger, Lizenzierung im Ausland). Wie haben wir uns das im Alltag vorzustellen?

BA: Oh weh, das wäre glaube ich ein Story für sich aber im Prinzip eigentlich eine relativ simple kaufmännische Angelegenheit. Man holt Angebote ein, überprüft Leistungen, Lieferzeiten, Qualität, Service und Preise… - das kann ganz schön Arbeit machen aber ist kein Job mit Glanz und Glamour. Lizenzierung im Ausland und die damit verbundenen Trips waren hingegen schon spannend und lehrreich, auch wenn es eher die harte Schule war. Schließlich war Ascaron im Ausland eher unbekannt und auch unsere umfangreichen und komplexen Spiele waren im Ausland nicht so wirklich populär. Da galt es viele „Klinken zu putzen“. Dazu kam, dass ich eine Zeit lang auch versuchte, Lizenzen im Ausland für Ascaron einzukaufen, um diese Titel dann in Deutschland zu vermarkten. 

AFP: Dein Einstieg bei Ascaron müsste zeitlich mit der Fertigstellung von Anstoss 2 Gold zusammenfallen. Das Spiel war ein Meilenstein im Genre und ist noch heute beliebt. War dieser Erfolg schon eine Bestätigung für dich, bei der richtigen Firma angeheuert zu haben?

BA:  Ich kannte schon viele frühere ambitionierte Projekte von Ascaron wie „Hexagon Kartell“ und das alte „Patrizier“ und es gab da keine Frage für mich. Ascaron war wie zuhause… - obwohl ich kein Fussball-Fan bin und die Anstoss-Serie lange Zeit unser Gravitationszentrum war. 

AFP: Wie war die Zusammenarbeit mit den Projektteams der einzelnen Spiele? Gab es da eine gute Kooperation oder war deine Aufgabe eher so ein „Im stillen Kämmerlein“ (man hat jedenfalls den Eindruck, dass die Marketingabteilung in meiner Firma so arbeitet)?

BA:  *grins*
Die Beziehungen waren eigentlich gut, vielleicht weil ich früher auch viel selber programmiert und entwickelt hatte während und nach meinem Studium und ein gewisses Verständnis (zum Leidwesen einiger Programmierer) für die Entwicklung da war, aber auch weil ich immer wieder Einfluss nehmen durfte.

AFP: Wie war die Zusammenarbeit mit Holger Flöttmann? Gab er viele Impulse oder konntest du eher dein Ding machen?

BA: Das war lange Zeit eigentlich eine im Nachhinein betrachtet fast symbiotische Beziehung. Jeder von uns hatte seinen Bereich und ich hatte im Publishing fast völlig freie Hand, habe aber natürlich alles wichtige mit Holger besprochen und er hat erstaunlich viele Dinge akzeptiert, umgesetzt, eingebaut und für Umsetzung gesorgt. Ich habe natürlich an ihn berichtet aber wir waren eigentlich zu 99,99% auf einer Marschrichtung. Er hat mir unglaublich viel Vertrauen entgegengebracht, wenn ich das aus heutiger Sicht betrachte. 

AFP: Ascaron hatte 2000 seine größten Hits, nur um 2002 mit Port Royale und Anstoss 4 dank verbuggter Releaseversionen viel Kredit zu verspielen. Wie hast du diese Phasen miterlebt – zunächst die große Erfolgsphase und dann der Knick?

BA: Böse Frage! Ich war nie ein großer Freund von Port Royale und habe seinerzeit vieles versucht um diese Idee der „Simplifizierung“ des Patrizier 2 Prinzips zu kippen, bin darin aber letztlich gescheitert. Der Konsens war leider, dass Patrizier 2 Gold zu „kompliziert und komplex“ für den Spieler sei und man sich mehr auf das Casual Segment fokussieren müsse. 
Anstoss 4 war hingegen ein tolles Konzept was leider dann irgendwann am Spagat zwischen finanziellen Möglichkeiten und technischem Können gescheitert ist. Unglaublich schade eigentlich aber damals liefen wir als Ascaronis ins offene Messer der Banken…

AFP: Port Royale war aber ein doch recht erfolgreicher Versuch, ein breiteres Portfolio zu etablieren. Denn mit den echten Hardcore-WiSims ist ja auch heute nur noch eine Nische zu bedienen. So falsch schien die Entscheidung dann doch nicht gewesen zu sein, denn das Spiel hat Stand jetzt immerhin zwei Nachfolger bekommen. Dennoch war der Trend erkennbar: In 2003 erschienen mit Big Scale Racing und Piraten zwei weitere Spiele, die dem Casual Segment zuzurechnen waren. Notwendiger Trend zum Überleben oder fragliche Entscheidung?

BA: Die letzten beiden Titel habe ich nur am Rande mitbekommen, weil ich Anfang 2003 Ascaron dann ja verlassen habe. 

AFP: Die Insolvenz 2001 hat viele Fans verunsichert, aber dich und deine Kollegen noch viel mehr. Mit Heino Nollmann kam dann ein neuer Investor zu Ascaron. Beeinflußte dich dies in deiner Tätigkeit?

BA:  Hmmm…. – nicht im täglichen Business und auch weniger in meinem Bereich aber in der Entwicklung und Holgers Bereich war die Veränderung sicher massiv. 

AFP: Im Frühjahr 2003 hast du Ascaron dann verlassen. Wo bist du dann gelandet?

BA:  Ich bekam ein sehr interessantes Angebot und habe dann sechs Jahre lang bei Activision diverse Aufgaben international verantwortet.

AFP: War die Insolvenz 2001 bereits ein Grund, oder gab es ein Schlüsselerlebnis für den Wechsel?

BA:  Die Insolvenz 2001 war von uns unverschuldet und damals war eher ein „jetzt erst recht“ Geist am Zuge. Wir hatten ja alles versucht, um die Entwicklung in Deutschland voranzubringen und Holger war massiv in Vorleistung getreten. Wir sind dann aber im Zuge des New-Economy-Crash ohne Schuld sitzengelassen und von den Banken quasi an die Wand gefahren worden. Das schweißt zusammen! Damals hätte ich mich lieber erschießen lassen als Ascaron aufzugeben. 
Leider gab es dann nach der erfolgreichen Wiederbelebung durch den/die neuen Investoren auch intern einige unglückliche Entwicklungen und Entscheidungen, für die ich damals in der Öffentlichkeit immer wieder „mein Gesicht“ hergeben durfte und nachdem es in der Arbeitsaufteilung zwischen Holger und mir immer öfter Friktionen gab, habe ich mich zum Ausstieg entschlossen als Ascaron Ende 2002 finanziell wieder halbwegs über den Berg war und potentiell starke Titel wie Sacred in der Pipeline hatte. 
Das Vertrauensverhältnis innerhalb der Company war nicht mehr dasselbe wie vorher, wohl auch weil immer mehr Leute mitentscheiden wollten und ich war müde, Ascaron immer wieder in den Medien entschuldigen zu müssen, also habe ich das Schiff verlassen nachdem ich mir wieder sicher war, das es nicht so schnell wieder sinken würde.

AFP: Heutzutage ist Marketing viraler, es geht gefühlt irgendwie leichter, kann aber auch für einen gehörigen Shitstorm sorgen. Zu deiner Zeit bei Ascaron war das Internet dahingehend noch in den Kinderschuhen. Welche heutigen Möglichkeiten haben dir damals gefehlt? War dein Job damals eher einfacher oder doch eher schwerer als heute zu erledigen?

BA:  Wieso schwierig? Das war es damals nicht und heute noch viel weniger. Marketing bedeutet nach meiner privaten Definition nichts anderes als den Kunden zuzuhören, Produkte zu entwickeln die den Kundenwünschen möglichst ideal entsprechen und dies anschließend in verständlichen Worten zu kommunizieren. Gut, sowohl Tools als auch Medien haben sich sicherlich geändert aber das ist letztlich unwichtig. Ich fahre heute auch keinen VW Käfer mehr….

AFP: Ascaron hat viel Schelte kassiert, wobei der Tenor oft darauf lag, das Spiele unfertig veröffentlicht wurden. Inwieweit warst auch du daran beteiligt? Waren die Zwänge derart stark, dass eine Veröffentlichung wie z.B. Anstoss 4 rückblickend betrachtet verfrüht erfolgen musste? 

BA:  Das würde ich jetzt am liebsten nicht beantworten. Ja, die Zwänge waren da und ich hatte die Ergebnisse der späten Fertigstellungen schon sehr frühzeitig befürchtet… - aber es ging um das Überleben der Company und weniger um den Ruf oder Schicksal einzelner Personen. Ein Soldat tut seine Pflicht auch wenn er das Ergebnis vorher schon ahnt.

AFP: Ist dir eines der Spiele aus deiner Vita ganz besonders ans Herz gewachsen? Wenn es dieses Spiel gibt: Warum gerade das?

BA:  War das eine Frage? 

AFP: In einem älteren Interview hast du uns mal verraten, das Patrizier 2 Gold deinerseits nie von deinem PC deinstalliert werden würde. Spielst du noch am PC? Wenn ja, was?

BA:  Ich habe Patrizier 2 Gold aktuell immer noch auf vier PCs installiert und spiele es im Urlaub oder ab und zu im Winter immer noch. Patrizier 2 Gold ist für mich zusammen mit Elite und Schach immer noch das genialste Spiel aller Zeiten. Ich habe bestimmt um die 1.000 Stunden damit verbracht, „meine“ Hanse maximal auszubauen und habe sogar eine Zeit lang in der Patrizier-Bundesliga mitgespielt…    :)

AFP: Gibt es die eine Anekdote, die du uns bislang vorenthalten hast? Wenn ja, dann bitte raus damit!

BA: Eine? Tausende…  :) 

AFP: Okay, dann werde ich mal konkret: Bernd Almstedt sitzt in seinem Büro. Da kommt sein Kollege rein und … vervollständige bitte! *grins*

BA:  …ich bin mal wieder nicht da. Der Job hat mich nicht lange still sitzen lassen, ich war dadurch halt viel unterwegs.

AFP: Immerhin bist du lange Zeit dabei gewesen und kennst unsere „Helden“ wie Gerald Köhler, Guido Eickmeyer oder Daniel Dumont ja persönlich. Gibt es noch heute Kontakt, der über Facebook hinausgeht?

BA: Zu Gerald Köhler leider nicht mehr… - mit Guido Eickmeyer tausche ich mich immer noch aus, Daniel Dumont habe ich lange verfolgt aber wir hatten sehr unterschiedliche Ansichten damals und auch das AddOn in Patrizier 2 Gold musste ich letztlich fast gegen seinen Willen durchsetzen. Er hätte vieles am liebsten nicht umgesetzt… Am meisten Kontakt habe ich noch zu Michael Bhatty aber da gibt es auch noch andere Ascaronis…

AFP: Dr. Bhatty steht auch noch auf meiner Interviewliste, mit dem habe ich auch noch Kontakt. Ich grüße ihn dann von dir. Hattest du eigentlich noch mit Sacred Berührungspunkte?

BA:  Schon, ich war einige Male im externen Studio mit dabei und habe auch an der Neupositionierung des Titels ein wenig aus Marketingsicht mitgearbeitet. Der Titel machte von Anfang an einen guten Eindruck aber was dann letztlich daraus wurde hat mich wirklich sehr angenehm überrascht.

AFP: Als passionierter Devotionaliensammler (Stefan Gebenus ist beim Fanfest 2003 mal mit mir in euren „Werbekeller“ gegangen) muss ich das fragen: Was ist der Merchandisingartikel, der mir noch in meiner Sammlung fehlt? Für welchen Ascaron-Fanartikel sollte man sich schämen und welches Gimmick hättest du am liebsten bei welchem Spiel gesehen, der aber finanziell einfach zu riskant war?

BA:  Keine Ahnung, ehrlich! Ich bin da völlig desinteressiert aber wenn, dann würde ich auf die Holzkiste zu Port Royale tippen, die mein Kollege Christian Franke damals vorgeschlagen und umgesetzt hat. Das Teil war echt cool aber ich habe leider nie eine abbekommen…

AFP: Deine Homepage entnehme ich, dass du passionierter Gitarrenspieler bist (ich bin eher der passionierte Gitarrenspielerzuhörer wie z.B. Gary Moore, aber das nur nebenbei). Gab es mal die Gelegenheit, mit der Musiksektion von Ascaron zusammen zu jammen?

BA:  Ja! Im Grunde genommen ist der Toningenieur und Hauptmusiker von Ascaron, Dag Winderlich, überhaupt Schuld daran, dass ich zur Musik zurückgekommen bin. Habe lange Abende bei ihm im Tonstudio gesessen damals und ihm über die Schulter geschaut und unendlich viel gelernt. Das hat mich eigentlich erst wieder dazu gebracht mich wieder zurück zur Musik hin zu orientieren und auch mal eigene Songs zu komponieren und einzuspielen, woraus dann schlussendlich sogar eine eigene CD entstanden ist…

AFP: Abschließend noch eine Glaubensfrage: Telecaster oder Stratocaster?

BA: Ja! :)


- Ende - 

Danke noch einmal für deine Zeit, Bernd! Wir wünschen dir für die Zukunft weiterhin alles Gute, immer den Jetstream im Rücken und bleib gesund!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen